Auf dem Weg zu 90-90-90: Wie sieht es in Europa aus?

Ende April hat das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) eine aktuelle Analyse[1] für Europa und Zentralasien veröffentlicht, die sich an den 90-90-90-Zielen der WHO orientiert. Insgesamt 44 Länder haben – soweit vorhanden – Angaben zur Anzahl der Menschen mit HIV, zur Zahl der diagnostizierten, der behandelten und der virologisch supprimierten Personen gemacht. Das vollständige Kontinuum der Versorgung ist in 29 Ländern bekannt, auch Deutschland gehört dazu. Allerdings gilt es zu bedenken, dass die Analyse des ECDC zwar 2017 veröffentlicht wurde, die Daten jedoch aus den Jahren 2014 und 2015 (hier zusammengefasst) stammen.

Von 84.700 Menschen mit HIV hierzulande kennen laut ECDC 85% ihre Diagnose und 84% der diagnostizierten Patienten erhalten eine antiretrovirale Therapie. Die gute Nachricht: 93% der Patienten, die eine antiretrovirale Therapie erhalten, sind virologisch supprimiert.

 

Die Situation in Deutschland Ende 2015:

  • 85% der HIV-Infizierten diagnostiziert2
  • 84% der diagnostizierten Patienten behandelt3
  • 93% der behandelten Patienten virologisch supprimiert3

Mehr als 12.000 Personen wissen nicht, dass sie HIV-infiziert sind.

Zum Vergleich die Zahlen für Europa und Zentralasien insgesamt: im Mittel sind 75% aller Personen mit HIV diagnostiziert, 77% der Diagnostizierten erhalten eine antiretro­virale Therapie – und bei 88% liegt die Viruslast unter der Nachweisgrenze.

Wenn 90% aller Infizierten diagnostiziert sein sollen, davon 90% eine ART erhalten, und von diesen wiederum 90% virologisch supprimiert sind, heißt dies letztlich, dass 73% aller diagnostizierten Patienten eine Viruslast unterhalb der Nachweisgrenze haben sollten. Von dieser magischen Zahl ist die Region Europa/Zentralasien mit einem durchschnittlichen Wert von 60% noch weit entfernt. In Deutschland liegt dieser Wert bei 67%.

Eine höhere Diagnoserate wäre für Deutschland der erste und vermutlich auch wichtigste Schritt, um dem Zielwert näher zu kommen. Die am 12. Mai angelaufene Kampagne[2] der Deutschen AIDS-Hilfe „Kein AIDS für alle!“ thematisiert die frühe HIV-Diagnose und wird in den kommenden drei Jahren eine Vielzahl entsprechender Projekte durchführen.

Dass Deutschland im Bereich der frühen Diagnose Nachholbedarf haben dürfte, zeigen auch die jüngst beim Europäischen AIDS-Kongress veröffentlichten Daten aus EuroSIDA und COHERE[3]: rund 58% der Patienten in den teilnehmenden deutschen Kohorten, die zwischen 2010 und 2015 diagnostiziert wurden, fielen in die Kategorie „Late Presenter“. Mit einer früheren Diagnose und HIV-Therapie hätten mehr als 12.000 neue AIDS-Erkrankungen und Todesfälle in diesem Zeitraum vermieden werden können, so die Autoren.

 

[1] http://ecdc.europa.eu/en/publications/Publications/Continuum-of-HIV-care-2017.pdf

[2] Kein AIDS für alle!

[3] Laut K et al. EACS Mailand 2017; # PE 26/6

 

DE/HIV/0183/17